ANTI DANT_S

Das Jahr: das Alte.
Der Tag: der vorletzte des Jahres.
Die Stadt: Lissabon.
Die Straße: Rua do Cardal de S. José.
Das Wetter: noch unentschieden.
Das feucht glänzende, wie glattgeschmirgelte Kopfsteinpflaster widerspiegelt den diffus goldenen Schein der Straßenlaternen.

An jedem fünften Haus hängen Schlüsselsafes mit vierstelliger Zahlenkombination.
Jedes neunte ist verlassen.
Schmale Bürgersteige am Westende Europas.

Das Restaurant hat sich nach einem Manifest von José de Almada Negreiros benannt. Eine Schmähschrift, deren Inhalt und Wirkung heute den meisten unbekannt ist. Den meisten außerhalb Portugals in jedem Fall.

Almada, der sich selbst als „Dichter des Orpheu, Futurist UND ALLES“ bezeichnete, forderte 1916 in eben diesem Pamphlet eine vehemente Abkehr von alten Würden, Werten und Traditionen und eine radikale Hinwendung zu Authentizität und Innovation, zum Bruch mit Konventionen und zu unerschütterlicher künstlerischer Integrität.

Der von ihm zutiefst verachtete, damals höchst erfolgreiche und geschätzte Schriftsteller Júlio Dantas ist die Verkörperung alles Hassenswerten.
Aller Mittelmäßigkeit.
Er beschimpfte ihn.
Er verunglimpfte ihn.
Er wünscht seinen Tod.
Ein Zündfunke der portugiesischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts.

Nichts davon wusste ich, als sich die mit dunklen Knöpfen ornamentierte schwarze Tür in schwarzem Rahmen öffnete, über der, in weißen Lettern auf schwarzem Grund, der Name TABERNA ANTI DANT S angeschlagen war. Das letzte A fehlte.

Die Türschwelle wie ein Übergang in eine entrückte Passage.
Das Dekor beschwört eine schummerige, an die 1920er erinnernde Ästhetik.
Die Wände sind grob und unverputzt und in den die Räume teilenden Bögen mit Zeitungspapier ausgekleidet.
Petrolfarbene, indirekte Beleuchtung lässt im Verfall erstarrte Skulpturen verzerrte Schatten werfen.
Nahezu alle Tische, kleine Inseln aus Licht, sind belegt, nur in einer niedrig engen, aus der Mauer geschlagenen Ecke ist noch Platz.

Untermalt von Billie Holidays „What’s new“ charakterisiert sich der Service durch diese rare Form der präzise gelassenen Hektik, die wir Souveränität nennen.
Diese Menschen wissen, was sie tun, und es wäre ein Versäumnis, ihnen nicht die Wahl des Weins zu überlassen.

Wer auch immer die verzweigte Bestellung eines sechs Personen fassenden Tisches ohne Zuhilfenahme eines Notizblocks aufnehmen kann, kann mir jederzeit verbindlich sagen, ob die Stunde der Dona Paterna oder des Quinta do Pinto Merlot e Syrah geschlagen hat.

Das Saltimbocca de Frango (Hähnchen-Prosciutto-Röllchen mit Limettenreis und einer Reduktion aus Bittermandel-Likör) schmeckt genauso fantastisch, wie man vermuten kann, doch was der Universalkünstler Almada in seinem Manifesto einforderte, findet seine Entsprechung in der Alheira.

Ein Gericht, garniert und tradiert mit einer Geschichte, die 1497 ihren Anfang nahm.

Als die damals in Portugal lebenden Juden vor die Wahl gestellt wurden, zum Christentum zu konvertieren oder das Land zu verlassen, entschieden sich viele für ein Leben an der Atlantikküste im Verborgenen.
Die „conversos“ praktizierten ihren Glauben klandestin weiter und kreierten, um keine Aufmerksamkeit von Seiten der Inquisition oder der streng gläubigen Bevölkerung auf sich zu ziehen, eine, an Schweinefleisch erinnernde Wurst aus Kalbfleisch, Ente, Huhn, Wachtel oder Kaninchen, geräuchert, gewürzt und für die Textur mit Brot angereichert.

Die hier angebotene Alheira de Caça weiß um diese Tradition aber bricht mit ihr. Das deftig-würzige Innere der Wurst wird mit „grelos à brás“, einer in der Konsistenz an Risotto erinnernden Komposition aus gestiftelten Kartoffeln, Stiehlmus, Zwiebeln und Oliven vermengt und mit einem wachsweichen Spiegelei garniert.

An dieser Stelle entgleitet mir das Vokabular, um dieses Gericht an diesem Ort zu diesem Moment angemessen beschreiben zu können.
Einen Abend später hätte es das inspirierende, exzellente Finale eines Jahres sein können, das doch eher arm an Inspiration und Exzellenz war.
Heute ist es die Pflege der Seele im Mezzanin zwischen Körper und Geist, die dem Abend erlaubt, eine lange Nacht zu werden, während es auf der Rua do Cardal de S. José, in Lissabon, am Westende Europas, zu regnen beginnt.

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